Eugenia Ginzburg

Eugenia Ginzburg wurde am 20. Dezember 1904 in Moskau geboren und wuchs in Kasan auf, der Hauptstadt des heutigen Republik Tatarstan. Am „Östlichen pädagogischen Institut der historisch-wirtschaftwissenschaftlichen Fakultät“ der Universität Kasan studierte sie bis 1925 Geschichte und Philologie. Danach wurde sie Dozentin am dortigen Pädagogischen Institut. Neben dem Tatarischen beherrschte sie auch die Fremdsprachen Deutsch und Französisch.

Im Alter von 20 Jahren heiratete sie den Arzt Dmitrij Fjodorov. 1926 wurde ihren erster Sohn Aleksej Dmitrijevic Fjodorov geboren (er verhungerte 1941 während der Belagerung Leningrads). Bald nach der Geburt ließ sich das Paar scheiden.

1930 nahm Eugenia Ginzburg als Vertreterin des Pädagogischen Instituts an einem Parteikongress in Moskau teil. Dort lernte sie ihren zweiten Ehemann Pavel Aksyonov kennen, der als Delegierter die tatarische kommunistische Partei vertrat. Die beiden heirateten 1932. In diesem Jahr kam auch auch ihr Sohn Vasilij Aksyonov zur Welt.

Pavel Aksyonov stieg in der Parteihierarchie bis zum Vorsitzenden des Kasaner Stadtsowjets auf und wurde Mitglied des Zentralen Exekutivkomitees der tatarischen autonomen sozialistischen Sowjetrepublik. Eugenia Ginzburg übernahm die Leitung der Kulturredaktion der Regionalzeitung Krasnaja Tatarija (Rotes Tatarien). Sie war zu dieser Zeit überzeugte Kommunistin und gehörte seit 1932 der KPdSU an. Das Ehepaar Ginzburg-Aksyonov hatte im Sowjetstaat Karriere gemacht, verfügte über eine große Wohnung, einen Dienstwagen und eine Haushälterin.

Für den Anfang der 1930er-Jahre aufkommenden Stalinkult konnte sich Eugenia Ginzburg nicht begeistern. 1935 kam es durch das Attentat auf den Parteisekretär Kirov zu einer jähen Wende im Leben der Familie. Dieses Ereignis diente als Vorwand für die umfassendste Säuberungswelle in der Geschichte der

UdSSR, die sich erstmals gegen die gesamteGesellschaft richtete – einschließlich der Partei selbst.

Das erste Opfer der Verhaftungswelle war in Eugenia Ginzburgs Bekanntenkreis der Geschichtsprofessor Elvov, ebenfalls Redaktionsmitglied von Krasnaja Tatarija. Bald darauf sah sich auch Eugenia Ginzburg den ersten Verdächtigungen ausgesetzt: Sie habe die Partei nicht vor Elvov gewarnt und sollte sich zu ihrem Versagen bekennen. Dies lehnte sie kategorisch ab – die Anschuldigungen erschienen ihr absurd. Durch ihr unnachgiebiges Verhalten löste Eugenia Ginzburg eine Reihe von Repressalien aus: von der Rüge für das Nachlassen politischer Wachsamkeit über ein Berufsverbot als Dozentin bis zum Parteiausschluss am 7. Februar 1937. Am 10. Februar 1937 wurde sie vom Kasaner Volkskommissariat des Inneren (NKWD) verhaftet. Ihr Mann wurde Ende Juni 1937 ebenfalls

verhaftet. Es folgten wochenlange Verhöre. Zum Teil dauerten sie nur einige Minuten und waren völlig absurd; zum Teil dauerten sie mehrere Tage, ohne dass Eugenia Ginzburg schlafen, essen oder trinken durfte. Da sie sich weigerte, falsche Aussagen zu machen und Namen von anderen „Trotzkisten“ zu nennen, wurde sie schließlich aufgrund der Zeugenaussagen einer ehemaligen Freundin und eines früheren Redaktionskollegen „überführt“ und am 1. August 1937 von einem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofs der UdSSR nach einer siebenminütigen Gerichtsverhandlung wegen „Gruppen-Terrorismus“ zu zehn Jahren strenger Isolationshaft verurteilt. Anwälte gab es nicht, Zeugen wurden nicht gehört. Ihre Bürgerrechte wurden ihr auf 15 Jahre aberkannt, ihr Eigentum konfisziert.

Im Jaroslavler Gefängnis begann mit einer

zweijährigen Einzelhaft Eugenia Ginzburgs Odyssee durch die Gefängnisse, Lager und Verbannungsorte des Sowjetreichs. Mitte 1939 wurde sie in das Lager Kolyma verlegt. Die Zugfahrt im Hochsommer dauerte über einen Monat. Im Lager herrschte ein internes Klassensystem: Je nach Gunst ihrer „Herren“ wurde sie mal zu Schwerstarbeit, mal zu leichteren Arbeiten abgestellt. Das Holzfällen bei Temperaturen von bis zu – 40° C und Brotrationen von wenigen hundert Gramm pro Tag schwächten sie derart, dass sie mehrmals fast gestorben wäre.

In der zweiten Hälfte ihrer Lagerhaft wurde sie als Krankenschwester und Kindergärtnerin eingeteilt. In einem Lagerkrankenhaus lernte sie den russlanddeutschstämmigen Arzt, ihren späteren Mann Anton Walter, kennen. Im Februar 1947 wurde Eugenia Ginzburg aus der Lagerhaft entlassen und wählte

Magadan als Verbannungsort, um dort die Freilassung von Anton Walter abzuwarten.

In dieser Zeit arbeitete sie als Erzieherin. Dann begann sie den zähen Kampf um eine Einreiseerlaubnis für ihren Sohn Vasilij in das Kolyma-GulagGebiet im östlichen Sibirien. Die Erlaubnis wurde schließlich gewährt, und die Familie war endlich vereint: Vasilij, Eugenia und Anton Walter mit ihrer gemeinsamen adoptierten Tochter Antonina Aksyonova. 1949 kam es zu einer weiteren großen Verhaftungswelle: Eugenia Ginzburg wurde erneut verhaftet, jedoch bereits nach einem Monat wieder entlassen – sie durfte in Magadan als ständigem Verbannungsort bleiben.

1952 bekam Eugenia Ginzburg ihre Bürgerrechte zurück, durfte Kolyma aber weiterhin nicht verlassen. Als sich Anfang 1953 die Zeitungsberichte über

angebliche Staatsfeinde wieder häuften, rechnete sie bereits mit einer dritten Verhaftung. Doch mit Stalins Tod im März 1953 endeten diese Hetzkampagnen abrupt. Erstmals wurden in den Zeitungen sogar „Fehler“ eingestanden.1954 wurde Eugenia Ginzburg rehabilitiert, ihre Verbannung aufgehoben. Sie wurde auch wieder in die KPdSU aufgenommen, was in ihrer Umgebung auf großes Unverständnis stieß. Nach Anton Walters Rehabilitierung ließ sich die Familie in Lvov nieder, wo Eugenia Ginzburg ihre Memoiren schrieb. 1959 starb Anton Walter. 1966 konnte Eugenia Ginzburg endlich nach Moskau umziehen, was ihr bislang verwehrt worden war. Hier schrieb sie unter anderem Kurzgeschichten und Essays für die Zeitschrift Junost.

1976 reiste sie mit ihrem Sohn Vasilij, dem inzwischen international bekannten Schriftsteller, auf Einladung des Pen-Clubs nach Frankreich und Deutschland, wo sie

unter anderem Heinrich Böll begegnete. Sie starb am 25. Mai 1977 in Moskau. Eugenia Ginzburgs Lebenserinnerungen sind in mehrere Sprachen übersetzt worden.

In Deutschland erschienen sie unter den Titeln „Marschroute eines Lebens“ und „Gratwanderung“ im Piper Verlag. Vasilij zählt zu den angesehensten russischen Autoren und verarbeitete in seinen Werken ebenfalls die Erfahrungen seiner Familie in der Stalinzeit („Gebrannt“, „Generations of Winter“). Er starb am 6. Juli 2009 in Moskau.

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